Eine wirkliche Studienreform ist nötig - Bologna Prozess reformieren
Wir sind uns darin einig, dass eine Hochschule kein statisches System ist und sich ständig in einem Prozess befindet. Die Ziele von Bologna sollten 2010 erreicht sein.Dies ist nicht der Fall und viele Studiengänge sind nicht studierenswert und durch diese Reform unstudierbar geworden.
Die Situation in Nordrhein-Westfalen beurteilen wir als gravierend schlecht. Die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master war hier überwiegend undurchdacht und wurde viel zu schnell vollzogen. Der Prozess bewegte sich entgegen der Ziele, die im Bologna-Prozess formuliert sind. Ziele sollten sein, Studiengänge besser zu strukturieren, eine Spezialisierung im Studium durch noch mehr Wahlmöglichkeiten der Studierenden zu erhöhen und den Wechsel von Hochschulen oder Studienfach zu vereinfachen. Menschen aus bildungsfernen Schichten sollten durch eine größere Übersichtlichkeit der Bachelorstudiengänge zu einem Hochschulstudium motiviert werden.
Studierende in NRW sind durch die Umsetzung der neuen Studiengänge, so wie sie hier erfolgt ist, noch immobiler als vorher. Eine freie Wahl von Veranstaltungen sowie eine Spezialisierung im Studium ist kaum noch möglich. Das Studienangebot an den Hochschulen in NRW wurde ökonomisiert, die Vielfalt des Lehrangebots drastisch reduziert, und seit drei Jahren hat kaum jemand das Studium in der Regelstudienzeit geschafft. Wir möchten hier an die urprüngliche Bedeutung der Regelstudienzeit erinnern. Diese war als Rechtsanspruch für Studierende gedacht, um nicht während ihres Studiums die Streichung ihres Faches aus dem Angebot der Hochschule befürchten zu müssen. Doch immer mehr wird die geschätzte Dauer der Regelstudienzeit dazu genutzt, Studierende unter Druck zu setzen. Hinzufügen möchten wir, dass bei der Umstellung auf die neuen Studiengänge keine Angebote für ein Teilzeitstudium eingerichtet wurden. Die Belastung ist nicht nur für Studierende mit Kind(ern), chronischer Erkrankung und/oder Behinderung sowie erwerbstätige Studierende extrem gestiegen und durch enge Prüfungsrhythmen sowie strenge Anwesenheitsregelungen gekennzeichnet. Das Studium in NRW ist zur Zeit bedauerlicherweise verschult, mit weitreichenden Konsequenzen für die Studierenden. Besonders kritisieren wir die strengen Anwesenheitskontrollen und -regelungen, die mit Bologna in den Veranstaltungen an den Hochschulen Einzug gehalten haben. Nach unserer Auffassung ist die Kontrolle von Anwesenheit ein fragwürdiges Mittel, Studienleistungen zu erfassen. Zudem wird die Anwesenheit strenger kontrolliert und geregelt als an den Schulen in NRW. Anwesenheitskontrollen sind in der Erwachsenenbildung unangebracht.
Durch eine hohe Prüfungsdichte ist die Korrektur von Klausuren und anderen Prüfungsleistungen durch die Lehrenden an den Hochschulen kaum mehr zu bewältigen. Studierende sehen sich mit Klausuren konfrontiert, die durch Multiple-Choice eine reine Wissensstandabfrage darstellen und eine wissenschaftliche Anwendung des erworbenen Wissens ausklammern.
Um die Situation an den Hochschulen in NRW drastisch zu verbessern empfehlen wir, Studierende in den Prozess an ihren Bildungseinrichtungen mit Stimmrecht einzubeziehen. Fakultäten/Fachbereiche sollten Änderungen der Prüfungsordnungen rechtzeitig ankündigen und öffentlich machen. Studienordnungen sollten von den Studierenden abgesegnet werden, da sie die Probleme und den Optimierungsbedarf am besten kennen. Ganze Studiengänge sollten evaluiert werden, nicht nur die Lehrveranstaltungen, und es sollten unmittelbar Konsequenzen aus den Ergebnissen gezogen werden. Nur so können Studiengänge studierbar gestaltet werden. Darüber hinaus muss die Konzeption der Studiengänge einen Hochschulwechsel einfach machen. Die Zugangsbeschränkungen für Masterstudiengänge müssen abgeschafft werden.
Durch Prüfungsdruck und Finanzierungsprobleme steigen die Zahlen der Inanspruchnahmen der psychosoziale Beratung an den Hochschulen seit Einführung der Bachelor-/Master-Reform in unermessliche.
Was die bestehenden Kooperationen nordrhein-westfälischer Hochschulen mit anderen Hochschulen durch die Umstellung auf die neuen Studiengänge angeht stellen wir fest, dass immer weniger Studierende von Hochschulen im Ausland ein Semester an Hochschulen in NRW verbringen. Begründet wurde dies seitens der Partnerhochschulen im Ausland vor allem damit, dass von den Hochschulen in NRW immer weniger Studierende während ihres Studiums einen Auslandsaufenthalt planen. Dies sehen wir in der oben bereits genannten Immobilität durch den Bachelor, so wie er hier umgesetzt wurde, begründet. Die Ergebnisse des Studierendensurveys hinsichtlich eines Auslandsstudiums bestätigen dies. Demnach erwartete noch knapp die Hälfte der Studierenden eine Erleichterung für Auslandsaufenthalte durch den Bologna-Prozess, im Jahr 2007 sind es gerade mal noch 36%. Die Studierenden in NRW befürworten ausdrücklich die mobilitäts- und internationalisierungsbezogenen Ziele von Bologna 2010, durch die Studienstrukturreform erwarten jedoch viel zu wenige, einen Auslandsaufenthalt während ihres Studiums einplanen zu können. Gründe hierfür sind vor allem der Zeitverlust im Studium durch Auslandsaufenthalte, Probleme der Finanzierung und kaum Unterstützung durch die Heimathochschule. Immer wieder gibt es Probleme mit der Anerkennung der Leistungen, die im Auslandsstudium erbracht wurden.
Hinsichtlich der weiteren Umsetzung des Bologna-Prozesses fordern wir von der Politik, mehr finanzielle Mittel für die Hochschulen zur Verfügung zu stellen, Studiengebühren abzuschaffen und die Wiedereinführung eines Bundeshochschulgesetzes. Bisher wurde im Bologna-Prozess versäumt, Rücksicht auf die soziale Dimension zu nehmen. Durch die Nichtbeachtung dieser wurde die soziale Selektivität des Bildungssystems verschärft, denn mit dem Bachelor als erstem berufsqualifizierendem Abschluss wurde eine weitere Hürde im Bildungssystem geschaffen.
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